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„Gier frisst Hirn“ – Dieses Wertpapier will momentan jeder Anleger haben

| Quelle: INV

Uns Deutschen wird ja immer wieder vorgeworfen, dass wir in Sachen Geldanlage zu mutlos agieren und aus Angst vor möglichen Verlusten höhere Renditechancen bewusst liegen lassen. In vielen Fällen, gerade mit Blick auf die Altersvorsorge, ist diese Kritik absolut berechtigt. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn unter denjenigen Anlegern, die sich dann doch an die Börsen heranwagen, scheint es immer mehr zu geben, denen der sonst so ausgeprägte Sicherheitsgedanke völlig abhandengekommen ist. Der Spruch „Gier frisst Hirn“ trifft es in diesen Fällen wohl am besten.

Deutlich wird das aktuell anhand einer Auswertung der Börse Stuttgart zu den beliebtesten Index- und Partizipationszertifikaten. In den Top-10, die früher regelmäßig von klassischen Dax-Trackern dominiert wurden, finden sich aktuell gleich vier wikifolio-Zertifikate. Das ist zunächst einmal nicht ungewöhnlich, denn im Segment des Social Tradings gibt es zahlreiche spannende und auch sehr erfolgreiche Anlagekonzepte, die mit Hilfe der wikifolio-Zertifikate investierbar gemacht werden. Bei zwei dieser Produkte ist mittlerweile aber ein Hype entstanden, der bei erfahrenen Beobachtern sämtliche Warnsignale aufleuchten lässt.

Bei dem heute etwas genauer unter die Lupe genommenen Fall handelt es sich um das wikifolio „IREX“, das von Corvin Schmoller, Geschäftsführer der Intelligent Recommendations GmbH, betreut wird. Dessen Firma hat eine nach eigenen Angaben „einzigartige Informationstechnologie“ entwickelt, mit der „Wahrscheinlichkeiten der richtigen Investmentauswahl systematisch erhöht werden“. Dafür werden von einigen tausend Usern unabhängig voneinander Meinungen zu deren Investment-Favoriten eingesammelt und die Ergebnisse dann gefiltert und ausgewertet. Das Ganze läuft unter dem Begriff der „kollektiven Intelligenz“. Der auf der Homepage des Unternehmens dargestellte Vergleich des hauseigenen „Aktienmodells“ zeigt seit 2009 eine Outperformance gegenüber dem Dax und dem MSCI World. Der Chart lässt allerdings vermuten, dass diese Überrendite (fast) ausschließlich aus dem Startjahr resultiert und die Kurse danach mehr oder weniger identisch verlaufen sind. Genau lässt sich das nicht verifizieren, da detaillierte Angaben zu den einzelnen Jahren leider fehlen.

Auf der Social Trading-Plattform bietet das Unternehmen gleich acht investierbare wikifolios an, die zumeist Ende 2014 eröffnet wurden und allesamt eine positive Wertentwicklung ausweisen. Auffällig ist dabei allerdings, dass der hier öffentlich ausgewiesene maximale Verlust (Ausmaß der Korrektur nach einem erreichten Hoch) bis auf eine Ausnahme immer höher ausfällt als die bisherige Performance. Bei dem momentan so beliebten „IREX“-wikifolio ist das nicht der Fall, weil die Performance seit dem Start vor knapp einem Jahr mehr als 1.800 Prozent beträgt. Eine schier unglaubliche Wertsteigerung, die aber den Tatsachen entspricht und an der Anleger zumindest teilweise auch partizipieren konnten. Wer das dazugehörige Zertifikat bei der Emission im vergangenen Mai gekauft hat, freut sich heute über eine Performance von über 1.200 Prozent. Aus 10.000 Euro wurden in diesem Zeitraum also mal eben rund 130.000 Euro. Gelungen ist das aber nicht mit Aktien, sondern mit zumeist sehr stark gehebelten Knock-out-Scheinen auf den Dax. Konkret werden in dem wikifolio laut Handelsidee „die Long-Short-Signale der kollektiven Intelligenz des IR-Systems abgebildet“. In der Praxis bedeutet das eine Vielzahl von Trades, wobei die Positionen zum Teil nur wenige Minuten gehalten werden.

Weil die Performance vor allem seit November so überragend ist (in nur drei Monaten stieg der Kurs um fast 600 Prozent), stieg das investierte Kapital in den ersten gut fünf Wochen des laufenden Jahres um 4,8 Mio. Euro auf aktuell 5,8 Mio. Euro. Alleine gestern wurden eine Mio. Euro an neuen Geldern investiert. Je bekannter das wikifolio wird, desto mehr Anleger wollen ihr Geld in Zukunft wohl ebenfalls vervielfachen. Es scheint ja auch ganz einfach zu sein. Dabei darf man bei allem Respekt vor der bisherigen Leistung durchaus berechtigte Zweifel haben, ob der grandiose Lauf in dieser Form auch in Zukunft anhalten wird. Selbst wenn es momentan so aussehen mag, aber die Kristallkugel haben diese Akteure sicher nicht auf ihrem Schreibtisch stehen und kollektive Intelligenz ist auch nicht der heilige Gral (was von den Entwicklern aber auch nicht behauptet wird). Anleger sollten sich also darauf einstellen, dass die Kurve auch ganz schnell wieder nach unten drehen kann.

Zumal es das auch in der so phänomenal anmutenden Historie schon mehrfach gegeben hat. Im vergangenen Herbst zum Beispiel verlor das Zertifikat innerhalb von nur zwei (!) Handelstagen zeitweise fast 70 Prozent an Wert. Und seit dem am Montag markierten Allzeithoch hat das Zertifikat gut 10 Prozent verloren. Konstatieren muss man allerdings, dass die (immer noch relativ starken) Kursschwankungen zuletzt etwas zurückgegangen sind. Ob das von den Verantwortlichen bewusst so gesteuert wurde, den Marktgegebenheiten geschuldet oder einfach purer Zufall ist, lässt sich leider nicht beantworten. Die Kommentarfunktion wird nämlich nur zur Verlinkung auf eigene Artikel zum Anlagekonzept genutzt, wo regelmäßig und recht einseitig die großen Erfolge gefeiert werden. Auch bei Facebook wird Anlegern oft nur die halbe Wahrheit vermittelt. Gestern Vormittag zum Beispiel wurde stolz verkündet, dass das wikifolio „heute von ca. 1800 auf Kurswert über 1900 aktuell“ gestiegen sei. Dass der Kurs morgens mit einem Minus von fast 5 Prozent eröffnet hatte und selbst nach dem kommentierten Anstieg immer noch über 8 Prozent unter dem Hoch des Vortages lag, wurde hingegen mit keiner Silbe erwähnt. Zum Glück können solche Daten bei wikifolio.com aber von jedem Anleger ganz einfach eingesehen werden. Wenn man sich denn dafür interessiert und die Mühe macht, mal nachzugucken.

Um eins klarzustellen: Wir wollen die bisherigen Erfolge dieses wikifolios keinesfalls schmälern oder in Frage stellen. Die Performance ist herausragend, aber eben auch mit enormen Risiken „erkauft“ worden. Extreme Kursschwankungen sind bei einem solchen Investment vorprogrammiert und werden immer mal wieder zu heftigen Kursverlusten führen. Wer sich hier engagiert, sollte damit umgehen und es finanziell auch verkraften können, wenn die Erfolgssträhne mal reißt (WKN: LS9JBB).

Thomas Koch

Im Artikel erwähnt
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