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Klein, aber oho!

| Quelle: Hans A. Bernecker

Die ungewöhnliche Erholung aller Märkte seit dem 23.03.20 führte zu vielen Theorien oder Vorstellungen, wer dahintersteht, wer daran schuld sei oder wer anders dachte als alle anderen. Es hat etwas Zeit benötigt, bis die Statistik dies inzwischen relativ sicher erkennen lässt und darüber hinaus beiderseitig, nämlich sowohl in den USA als auch in Europa bzw. Deutschland.

 

Die griffigsten Zahlen gibt es dazu vom amerikanischen Markt, weil diese gut 50 bis 60 Jahre zurückreichen und mithin relativ zuverlässig sind. Die Zahlen für Deutschland sind weniger exakt, aber gut geschätzt. Sie führen aber zum gleichen Ergebnis. Der Überraschungseffekt ist gewaltig.

 

Alle Profikommentare der letzten Wochen konzentrierten sich auf die Haltung der großen Investoren, Investmentfonds, Vorsorgeeinrichtungen, Pensionsfonds etc. Dazu als Ergänzung die spekulativen Hedgefonds und ihre Manager, die sich umfangreich dazu geäußert hatten. Unter anderem ergab sich, dass diese Gruppe in ungewöhnlich hohem Maße Shortpositionen aufgebaut hatte. Zuvor wurden auch umfangreiche direkte Verkäufe getätigt. Daraus entstand die Annahme eines Short Squeeze, der die 50 % Indexgewinne befeuerte.

 

Niemand achtete auf die Kleinen, die sogenannten Dummies, wie sie in New York unhöflich beschrieben werden. Diese kennen wir seit gut 60 Jahren und ihre Rolle wurde in den vergangenen 30 Jahren oder mehr so gut wie gar nicht wahrgenommen. Genau diese Gruppe ist die umfangreichste Investorengruppe, die sich in den vergangenen 10 oder 12 Wochen feststellen lässt. Mit der bemerkenswerten Einstellung, dass mit jedem extrem schwachen Tag diese Gruppe die größten Investoren waren. Das typische Verhalten von Investoren, die als Laien die Dinge offensichtlich völlig anders sehen als die berühmten Profis. In den 60er Jahren waren sie deshalb der zuverlässigste Trendindikator, sowohl im Tages- als auch im Monatsvergleich. Warum?

 

In Amerika gibt es rd. 240 Mio. Konten und Depots von Privatleuten. Praktisch jeder Amerikaner unterhält ein solches Portfolio und arbeitet damit. Das Aktienportfolio hat zwei Aufgaben: Ansammlung von Geld für die Altersvorsorge, wofür es nur Aktien und nie Anleihen gibt. Zum anderen die Nutzung und den Spaß, an den Bewegungen eines Marktes teilzunehmen. Diskutiert wird darüber in so gut wie jedem Büro oder am Arbeitsplatz unter den Kollegen. Jeder, der Amerika kennt, weiß das. Die Detailkenntnisse dieser Laien ist bescheiden, aber sie haben Sinn für den Nachrichtenstand im Land oder im Allgemeinen. Das reicht.

 

In der gegenwärtigen Konstellation der Pandemiekrise handelten sie offenbar nach dem gleichen Prinzip: Was ist eine Firma wert, wie ist sie einzuschätzen und um wie viel billiger als noch vor zwei oder drei Monaten kann ich sie jetzt kaufen? Dazu braucht man gute Nerven, aber keinen Realitätsverlust für umfangreiche theoretischen Begründungen, wie sie von den Profis gerne vorgetragen werden.

 

Das Ganze kann man in Dollar oder auch in Euro hochrechnen. Geht man von den vorliegenden Schätzungen einiger Investmentbanken aus, bewegten sich die Vermögenswerte von Krisentief bis zum aktuellen Stand in den Größenordnungen von mindestens 5 Bio. Dollar und heruntergebrochen auf die privaten Anleger kommt man auf Gewinne um vermutlich 2 bis 2,4 Bio. Dollar. Um diesen kleinen Betrag sind alle kleinen Privatanleger in den USA reicher geworden. Das muss man erst mal können: Klein, aber oho!

 

Ihr

 

Hans A. Bernecker

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